“I’m happy, nothing is going to stop me. I’ll make my way” singe ich lautstark vor mich hin und komme dabei fast außer Atem. Immerhin radle ich gerade einen Berg hinauf. “Go solo, oh I go solo” singt Tom Rosenthal in meinen Ohrstöpseln weiter und wird zu meiner Hymne für die nächsten Wochen. Ich bin mitten drin in meinem Solo-Abenteuer und mir geht es richtig gut. Dabei sind die ersten Tage echt nicht leicht. Immer wieder erwische ich mich, wie ich mich nach Ferdi umdrehe, nur um zu bemerken, dass da gar kein Ferdi ist. Ferdi ist in Südamerika geblieben und radelt gerade durch Ecuador. Es kommt mir so unwirklich vor. Tagelang kann ich kaum glauben, dass ich tatsächlich in Spanien bin und allein durch die Gegend radle. Warum bin ich hier? Diese Frage schwirrt regelmäßig durch meinen Kopf. Doch mit der Zeit verschwimmen die Erinnerungen und Gewohnheiten und es ist an der Zeit, neue Gewohnheiten zu etablieren. Nun liegt alles an mir. Und alles ist viel, wie ich schnell lerne. Arbeitsteilung adios. Schlafplatz finden, Zelt auf- und abbauen, einkaufen, kochen, Route planen, navigieren, Fahrrad warten und im Notfall reparieren und zwischendrin Fahrrad fahren. Viele Aufgaben, die täglich auf mich warten. Mir wird bewusst, dass Ferdi sich um den Großteil davon gekümmert und mir somit einiges abgenommen hat.

Als ich im Herbst in Südamerika die schwierige Entscheidung getroffen habe und meine Heimreise angetreten bin, war mir bewusst, dass es kein Ende sein wird. Ich fliege nicht heim, um sesshaft zu werden, um in Österreich zu bleiben. Es ist vielmehr an der Zeit, einen langen Wunsch in die Tat umzusetzen. Das viele Zusammensein und Zusammenreisen der letzten Jahre hat mich immer wieder fragen lassen, ob ich fähig bin, das alles auch allein zu machen. In den letzten Jahren habe ich kaum Entscheidungen allein getroffen und nach einer Weile kam in mir das unschöne Gefühl auf, mich selbst zu verlieren. Ich fühlte mich abhängig. Dabei weiß ich, dass ich meine Freiheit brauche und von Zeit zu Zeit sehr gern allein bin und Dinge nur für mich mache. Ich liebe es, allein in die Berge zu gehen und viele Stunden in der Natur zu verbringen. Dann kann ich meine Umwelt ganz ungestört wahrnehmen und noch tiefer darin eintauchen. Nun ist meine Zeit gekommen.

In meinem Kopf kreisten die Gedanken. Wo soll es hingehen? Mit Fahrrad, zu Fuß, mit Bus oder Zug? Ich versuchte Vor- und Nachteile für die jeweilige Fortbewegungsart zu finden, habe mich mit Freund:innen ausgetauscht und kam schließlich zu dem Schluss, dass ich bei meinem treuen Kompagnon bleibe. Eine Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann ich mir nicht mehr wirklich vorstellen. Ich möchte dorthin, wo kein Bus fährt, dort schlafen, wo kein Hotel steht und mir mein Essen selber kochen. Mir war klar, dass es eine große Herausforderung wird. Obwohl mir das Radreisen sehr vertraut ist, habe ich es bisher immer nur zu zweit erlebt. Und dann war da noch das Problem mit der Ausrüstung. Ich musste mir Einiges besorgen, weil vieles davon bei Ferdi in Südamerika geblieben ist.

Raus aus der Komfortzone. Obwohl das nicht so ganz stimmt. Wenn ich draußen bin, fühle ich mich wohl, spüre den Fahrtwind durch meine Haare wehen, bin lebendig. Beim Zelten in der Natur fühle ich mich frei. Die wenigen Dinge, die ich auf Reisen besitze, machen es nicht unkomfortabel, sondern erleichtern mir das Leben. Ich brauche keinen vollen Kleiderschrank, keine top ausgestattete Küche, keine vier Wände. Ich möchte mein Leben daheim nicht als Komfortzone bezeichnen, weil ich mich darin oft überfordert und erschlagen von den vielen Dingen fühle. Für mich war die Komfortzone immer das gemeinsame Reisen. Zu zweit fühlt man sich sicher. Doch wie wird das, wenn ich nun alleine unterwegs bin?

Es ist der 23. Jänner als mich meine Eltern nach Bozen chauffieren. Nach über drei Monaten in Lienz fällt der Abschied von Familie und Freund:innen dieses Mal besonders schwer. Aber ich weiß, dass jeder Aufbruch tränenreich, emotional und aufregend ist. Das gehört dazu. Doch frei nach Hermann Hesse wohnt jedem Anfang ein Zauber inne. An diesem ersten Tag hilft mir Lennert mit einer Warmshower Unterkunft für die Nacht. Meinem Vorhaben früh schlafen zu gehen kommt ein intensives Gespräch über Lebensweisen, Reisen und Sesshaftwerden dazwischen. Als ich früh morgens quer durch Bozen zum Busbahnhof radle, ist es noch dunkel und kalt. Die erste Navigationsübung meistere ich ohne Probleme. Beim Bus angekommen stehe ich vor der nächsten Prüfung: Mein Fahrrad sicher verstauen. Anders als erwartet hat der Bus keinen Radträger und ich muss es im Gepäckabteil unterbringen. Mindestens zehn Männer stehen um mich herum und schauen mir dabei zu, wie ich das Fahrrad vor und zurück schiebe, wieder raus nehme und einen neuen Versuch starte. Keiner bietet mir Hilfe an. Wahrscheinlich strahle ich eine solche Souveränität aus.

Sechs Stunden später erreichen wir die Hafenstadt Genua. Auch dort habe ich über Warmshowers eine Herberge für die Nacht gefunden. Genua ist Italien pur. Enge Gassen, Delikatessengeschäfte reihen sich an Modeshops, Mopeds, Zigaretten, Focaccia, der Geruch von Meer und Fisch, Männer mit Handtaschen. Das Navigieren durch Genua ist eine Herausforderung. Straßen führen auf mehreren Ebenen über andere Straßen und auf der zweidimensionalen Kartenansicht ist nicht erkennbar, auf welcher Ebene man sich befindet. Am Weg zum Hafen werde ich vom Sicherheitspersonal aufgehalten. Die Straße hier sei zu gefährlich für mich, die Autos und LKWs sind schnell unterwegs. Ich erkundige mich, wo ich stattdessen fahren kann und nach einer kurzen Beratschlagung kommen sie zum Schluss, dass es nur diesen einen Weg gibt. Sie genehmigen mir die Weiterfahrt und erklären, dass ich bitte gut aufpassen soll. Kommt wohl nicht oft vor, dass jemand per Fahrrad zur Fähre anreist. Als ich am Schiff einen Abstellplatz zugewiesen bekomme, bin ich sehr überrascht dort bereits ein Fahrrad vorzufinden.

Voll bepackt mit all meinen Sachen suche ich meinen Sitzplatz für die Nacht. Dabei komme ich auch gleich mit Gilberto ins Gespräch, der unweit von mir Platz genommen hat. Wie sich herausstellt, ist er der andere Radler an Bord. Gilberto ist Mailänder, seit kurzem in Pension und gerne mit dem Fahrrad unterwegs. Er besitzt ein kleines Häuschen außerhalb Mailands, hat seit einiger Zeit kein Auto mehr und bringt alle Einkäufe und alles Feuerholz mit dem Fahrrad nach Hause. Nachdem er keine Arbeit, keine Frau, keine Kinder und auch keine Haustiere hat, ist er komplett frei und ungebunden. So hat er kurzerhand beschlossen, die kälteste Jahreszeit lieber im warmen Spanien zu verbringen als in mühevoller Arbeit Holz zum Heizen aus dem nächsten Wald zu holen. Wir verstehen uns gut. Wie so oft kommt die Frage auf, warum ich so frei bin, so viel Zeit habe und mir das auch noch finanzieren kann. Manchmal bin ich darüber selber überrascht. Ich hatte noch nie einen gut bezahlten Job und habe die letzten zwei Jahre so gut wie nichts verdient. Das Geheimnis ist wohl meine Bescheidenheit. Mein Geld fließt vor allem in Lebensmittel und hin und wieder in Ausrüstung, die ersetzt werden muss. Ich kaufe mir äußert selten Kleidung und wenn, dann vorwiegend Second-Hand. Am liebsten nähe ich mir jedoch alles selber. Von den durchschnittlich 26 Kilogramm Kleidung, die im Jahr pro Europäer:in gekauft werden, bin ich meilenweit entfernt. Restaurantbesuche und teures Ausgehen sind bei mir eine Rarität. Und unser alter VW-Bus steht die meiste Zeit am Parkplatz und wartet auf die nächste Ausfahrt. So konnte ich mir in den letzten Jahren trotz magerer Einkünfte genug Geld ansparen und meine bisherigen Reisen selbständig finanzieren. Mein Leben ist trotzdem nicht entbehrungsreich. Ich bin einfach sehr genügsam und mit wenig zufrieden. Es macht mir nichts aus, ein Jahr lang dieselben drei Leiberl anzuziehen. Ich finde es sogar praktisch, wenn man nicht jeden Morgen vor einem vollen Kleiderschrank steht und sich entscheiden muss. Und es zeigt, dass man bei Weitem nicht reich sein muss, um große Reisen zu machen (machen zu können). Man muss es nur wollen und auf viele Dinge verzichten können.

Die Fähre erinnert mich sehr an das Kreuzfahrtschiff, mit dem wir vor über einem Jahr nach Südamerika aufgebrochen sind. Bars, Geschäfte und Restaurants reihen sich aneinander. Ich lege mich quer über vier Sitze und mache es mir so bequem wie möglich. Hier in der günstigsten Klasse ist nicht viel los und so kann ich sogar ein bisschen schlafen. Bei Sonnenaufgang stehe ich draußen am Deck, lasse mir den frischen Wind durch die Haare wehen und blicke aufs Meer hinaus. Wie schön, dass diese Reise genauso beginnt wie die letzte: Mit einer Fahrt übers Meer. Ich schweife in die Ferne, auf den immer röter werdenden Horizont, das tiefblaue Wasser. Diese endlose Weite strahlt eine große Beruhigung auf mich aus. Die Nervosität der letzten Tage ist wie weggeblasen. Auf zu neuen Ufern!

Der Vollmond verblasst gerade über Barcelona, als unser Schiff nach gut zwanzig Stunden Fahrt den Hafen ansteuert. Schon bin ich in Spanien und wieder einmal ohne Flugzeug angereist. Durch Zufall habe ich erfahren, dass eine alte Kletterfreundin vom Alpenverein gerade in Barcelona lebt und ich kann bei ihr unterkommen. Die Tage bei Miriam vergehen schnell. Ich mische mich unter die Tourist:innen, schaue mir die fantastischen Details der Sagrada Familia an, gehe bei erstaunlich warmem Wetter am Strand spazieren und esse die ersten Tapas. Doch vor allem beschäftige ich mich mit der Reiseplanung. Wie immer habe ich kein genaues Ziel, allerdings merke ich, dass ich mir Meilensteine setzen muss. Ich brauche Anhaltspunkte, die ich ansteuern kann. Etwas mehr Sicherheit. Das einfach nur Drauf-los-radeln ist mir bei meiner ersten Solo Reise zu unsicher. Gut, dass ich schon einen Routenvorschlag von einer Bekannten bekommen habe und mich somit nicht mehr darum kümmern muss. Der Schlafplatz für die erste Nacht ist geklärt und ich bin startklar.

Anfang Februar steige ich in Barcelona auf mein schwer bepacktes Fahrrad. Los geht’s! Heute ist kein Ferdi da, der mich sicher aus der Stadt raus navigiert. Wenn ich eines am Radfahren gar nicht mag, dann durch Großstädte mit viel Verkehr zu radeln und zusätzlich den Blick auf meine Navigationsapp am Handy werfen zu müssen. Glücklicherweise hat Barcelona viele Radwege und ich finde mich gut zurecht. Zwei Stunden später bin ich am Strand und mache Mittagspause. Die Küstenstraße ist relativ stark befahren, aber durch die vielen Rennradler:innen in der Gegend, ist man an uns gewöhnt und hält Abstand. Ich komme am späten Nachmittag am Zielort an und muss Zeit überbrücken, bis ich meine Warmshower Unterkunft beziehen kann. Also radle ich zum Meer und koche mir einen Kaffee am Gaskocher. Es ist geschafft, mein erster Tag allein auf Radreise. Ich weiß noch nicht so recht(,?) was ich davon halten soll. Wie erwartet sind die Pausen am schwierigsten. Alleine Mittag zu essen macht einfach nicht so viel Spaß. Einige Tränen rollen meine Wangen hinunter. Ich besinne mich auf das Hier und Jetzt, das Meer, den schönen Sonnenuntergang. Mir war klar, dass es schwierig sein wird, doch ich habe Zuversicht und taste mich langsam voran. Bei David bin ich gut aufgehoben. Während ich dusche, kocht er uns Abendessen. Wir unterhalten uns übers Reisen. Er ist neugierig, war selbst noch nie auf großer Tour und möchte Vieles wissen. Valiente, mutig, ist eines der neuen Wörter, das ich auf Spanisch lerne. So richtig mutig fühle ich mich noch nicht.


Der zweite Tag führt mich weg von der Küste und hinauf in die Berge. Das schwere Fahrrad und meine schweren Gedanken ziehen mich hinunter. Ich fühle mich sehr einsam, den Tränen nahe. Immer wieder spiele ich mit dem Gedanken, zurück nach Südamerika, zurück zu Ferdi zu fliegen. Doch ich trete weiter in die Pedale und finde einen schönen Pausenplatz umringt von blühenden Mandelbäumen. Eine weitere Schwierigkeit in Spanien bereiten mir die Öffnungszeiten der Geschäfte. Von 14 bis 17 Uhr ist alles zu, Siesta. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass ich es noch vor 14 Uhr in den nächsten Ort schaffe und meine Einkäufe erledige. Um 17 Uhr bin ich lieber schon irgendwo in der Pampa und auf Zeltplatzsuche. Heute will ich zum ersten Mal alleine wild( )zelten. Vor Aufbruch zu dieser Reise war das eine meiner größten Sorgen. Schließlich waren wir bisher vorwiegend in dünn besiedelten Regionen außerhalb Europas unterwegs, wo wildes Campieren nie ein Problem war. Wie sich schnell herausstellt sind diese Sorgen unbegründet. Spanien ist ein großes Land, die ländlichen Gebiete sind spärlich besiedelt, die kleinen Dörfer wirken meist wie ausgestorben.

Heute will ich mir genügend Zeit nehmen und einen besonders guten Platz finden, um mich an das Zelten gewöhnen zu können. Im Vorhinein habe ich die Karte und Satellitenbilder studiert, um einen Vorgeschmack für die Gegend zu bekommen. Ich steuere den auserwählten Platz an und habe ein gutes Gefühl. Als allererstes dusche ich mich mit meiner Trinkflasche und ziehe mir mein gemütliches Schlafgewand an. Gerade als ich dabei bin, das Zelt aufzubauen, kommt eine Frau vorbei und warnt mich vor dem Ort. Ich kann sie nicht verstehen. Sie sagt immer wieder das gleiche spanische Wort. Schlussendlich zeigt sie mir ein Bild am Handy und mir wird klar, wovor sie mich warnen will. Wildschweine. Richtig viele sollen hier des nächtens vorbeikommen. Ich bin unschlüssig. Wäre Ferdi hier, würden wir wahrscheinlich bleiben. Zu zweit hat man immer das Gefühl, dass einem nichts passieren kann. Ich packe alles zusammen und ziehe weiter.

Die Nacht war ruhig. Mit Ausnahme von Hundegebell und Industrielärm. Das Zelt ist ziemlich nass und die Morgensonne zu schwach, um es zu trocknen. Also alles nass einpacken und in der Mittagspause irgendwo aufhängen. Es geht aufwärts. Der erste richtige Berg will erklommen werden. Ein paar Rennradler:innen und wenige Autos überholen mich, ansonsten ist es ruhig. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell so schöne einsame Straßen finde. Das macht Spaß! Was mich momentan am meisten beschäftigt ist mein Handyakku. Wenn ich mein Smartphone den ganzen Tag über zum Navigieren benütze, ist der Akku am Abend fast erschöpft. Ich traue mich nicht einmal Musik zu hören und bin fast immer im Flugmodus, um möglichst viel Batterie zu sparen. Mit der Powerbank kann ich mein Handy ungefähr zweieinhalb Mal aufladen. Das ist sozusagen meine Reserve. Auf unseren gemeinsamen Reisen hat Ferdi alles mittels Nabendynamo während der Fahrt geladen. Diese Unabhängigkeit vermisse ich sehr. Nun muss ich immer wieder bei Restaurants oder Tankstellen fragen, ob ich mein Handy kurz zum Laden anstecken kann. Das wäre nicht weiter schlimm, aber ich verbringe meine Pausen lieber irgendwo am Wegesrand unter einem Olivenbaum.

So radle ich Tag um Tag dahin und mit jedem Tag fühlt es sich leichter an. Ich finde meinen Rhythmus, merke wie die Kraft langsam in meine Wadeln zurück kommt und navigiere mich durch die Welt. Manche Nächte sind richtig kalt und wenn ich morgens bei Minusgraden starte, bin ich froh, meine dicken Handschuhe eingepackt zu haben. Untertags, sobald die Sonne da ist, kann es schon sehr warm werden. Meine Hände werden endlich wieder ein bisschen braun und schauen nach Abenteuer aus. Die Frage nach dem Warum stelle ich mir nicht mehr so regelmäßig und ich komme immer besser mit mir selber klar. Eine Sache, die mir oft Schwierigkeiten bereitet,() ist,() Entscheidungen zu treffen. So auch an jenem Tag, an dem ich gerade noch rechtzeitig im Ort ankomme, um meine Einkäufe zu erledigen. Die Taschen sind voller Essen, viel zu viel Essen. Ich bin ziemlich erledigt, habe fast tausend Höhenmeter in den Wadeln, viel Sonne getankt und bin mir unsicher, wie weit ich noch radeln kann. Mich stresst es total, eine Entscheidung zu treffen. Ich bin müde und möchte mich einfach nur ausrasten. Die Strapazen der letzten Tage machen sich bemerkbar. Habe ich meinem untrainierten Körper zu viel aufgelastet?

Nach langem Hin und Her und dem Abwägen meiner Möglichkeiten checke ich in ein Hotel ein. Mit der letzten Energie dusche ich ausgiebig und falle dann sofort ins Bett. Es war die absolut richtige Entscheidung. Ich kann alle meine Akkus aufladen, muss mir keine Gedanken über den heutigen Schlafplatz machen, kann am Balkon mit meinen Gaskocher Abendessen kochen und am nächsten Tag gut ausgeruht weiterradeln. Manchmal darf man sich auch was gönnen und soll nicht zu sehr auf jeden Euro schauen. Vor allem, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Wie gut mir diese Nacht getan hat, merke ich am nächsten Tag. Die Kilometer fliegen nur so dahin. Ich bin schnell unterwegs und werde früher als geplant in Valencia ankommen. Über hundert Kilometer bin ich heute geradelt. Viel bergab, aber mit einigen Gegenanstiegen. Die Gegend ist erwartungsgemäß nicht mehr so schön, ich nähere mich der Küste und komme in verbautes Gebiet.

Zum ersten Mal ist es wirklich schwierig einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Bei Sonnenuntergang radle ich an endlos erscheinenden Orangenplantagen entlang. Nirgends ein freies Fleckchen. Die Autobahn ist in unmittelbarer Nähe und ich steuere auf eine große Stadt zu. Ich muss unbedingt vorher etwas finden. Leider ist auch weit und breit kein Mensch, den ich um Hilfe bitten kann. Links des Weges sehe ich ein offenes Tor zu einem Feld. Nach einer kurzen Inspektion stelle ich fest, dass es sich wohl um eine aufgelassene Orangenplantage handelt. Ich habe nicht das allerbeste Gefühl, aber in Anbetracht mangelnder Alternativen stelle ich mein Zelt im hintersten Winkel des Feldes auf. Ich wasche mich und koche mir Abendessen. Dann telefoniere ich mit meinem Bruder und erzähle ihm von meinen Bedenken. Auch zu zweit fühle ich mich in besiedelten Gegenden und Industriegebieten unwohl. Und jetzt so ganz allein macht es mir fast ein bisschen Angst. Ich krieche bald in mein Zelt und hoffe, dass die Nacht schnell vergeht.

Es dauert nicht lange, da bekomme ich Besuch. Ich höre ein Auto vorfahren. Laute Musik tönt aus den Lautsprechern. Ich denke an ein paar Typen in Partylaune. Keine Ahnung, ob sie mich gesehen haben. Irgendwann fällt mir auf, dass nicht geredet wird und die Musik verstummt nach kurzer Zeit. Es ist wohl nur eine einzelne Person. Ich bin mir unsicher, ob ich mich zeigen soll und bleibe vorerst im Zelt. Als ich schon fast am Einschlafen bin, höre ich ein tiefes Grunzen neben meinem Ohr. Wildschweine. Auch das noch! Keine Seltenheit hier in Spanien. Ich versuche, sie mit dem Licht meiner Stirnlampe zu verscheuchen. Mit dem Ergebnis, dass der Mann im Auto auf mich aufmerksam wird und zu meinem Zelt kommt. Ich stecke meinen Kopf raus und erkläre ihm mit meinem dürftigen Spanisch, was ich hier mache. Er staunt nicht schlecht und ist offensichtlich weit mehr überrascht, mich hier zu sehen als umgekehrt. Ganz allein als Frau hier zu übernachten: Valiente, mutig. Der Mann ist aus der nahen Stadt, fährt aber öfter hierher, um draußen im Auto zu schlafen. Irgendwie bin ich froh, dass ich aufgefallen bin und merke wieder einmal, wie unbegründet meine Angst war. Der Großteil der Menschheit ist gutmütig und ohne böse Absichten. Jetzt bin ich sogar beruhigt, dass ich nicht allein bin und kann doch noch ein paar Stunden schlafen. Am nächsten Morgen fragt mich mein Nachbar, ob alles in Ordnung ist und ich Wasser oder sonst was brauche. Ich mache gerade mein Frühstück und erkläre ihm, dass ich gut versorgt bin. Gestern im Dunkeln hat er mich kaum erkennen können und ist jetzt noch einmal sehr erstaunt über meine Erscheinung. Was für eine aufregende Nacht.

Weiter geht es in Küstennähe, an Orangenbäumen entlang. Immer wieder bläst mir der Wind entgegen. Die letzten dreißig Kilometer bis Valencia fahre ich einen schnurgeraden Radweg entlang. Die Musik in meinen Ohren und die große Vorfreude auf bekannte Gesichter motivieren mich so sehr, dass ich plötzlich mitten in Valencia bin und viel früher als gedacht ankomme. Durch Zufall habe ich erfahren, dass Daan, ein Belgier, den wir in Südamerika getroffen haben, seit kurzem in der Stadt wohnt. Er und seine valencianische Freundin Irene haben mich erfreulicherweise in ihre Wohnung aufgenommen. Mit frisch gepresstem Orangensaft stoße ich mit Daan auf meine erste bestandene Etappe an und bin so glücklich, diesen Meilenstein erreicht zu haben.